Symposium

Die Frage nach der Existenz des sorbischen Films wird aus Unkenntnis heraus zumeist geleugnet. Abgesehen von einzelnen Arbeiten (z.B. von Dr. Toni Bruk) und Veranstaltungen wie Filmabenden und Tagen des sorbischen Films erfolgte weder von deutscher noch von sorbischer Seite eine umfassende Aufarbeitung dieses Erbes. Ein Defizit mit fatalen Folgen - angesichts der akut drohenden Zerstörung durch chemische Zersetzung (Vinegarisierung).


Audio-Mitschnitt der Abschlussrunde


Auch wenn der große sorbische Kinofilm offensichtlich nicht existiert – was ist dann sorbisches Filmerbe, und wie sollte man es definieren? Welche Bedeutung sind dem regionalen und Amateurfilmschaffen in diesem Zusammenhang beizumessen? Und was hat die Bewahrung des Erbes einer Minderheit mit der Mehrheitsgesellschaft zu tun, wer steht hier in der Verantwortung, mit welchen Herausforderungen und Chancen? Diese Fragen diskutierten im November 2017 auf dem FilmFestival Cottbus zahlreich erschienene Vertreter/innen von Filminstitutionen, Archiven, der Politik und des sorbischen Volkes.

Seit es Film gibt, wurde in der Lausitz gedreht, von und über Sorben. Neben zahlreichen Beobachtungen sorbischen Alltags und Brauchtums, die teilweise nur noch in diesen Dokumenten zu finden sind, wurden national bedeutsame Ereignisse wie die Gründungsveranstaltung der Stiftung für das sorbische Volk oder andere gesellschaftliche Ereignisse dokumentiert. Dabei ist, wie Daniel Kubik ausführte, der Begriff des sorbischen Films nicht klar definiert – es kann sich hierbei um Filme mit sorbischen Inhalten allgemein, aber im Besonderen auch um Filme in sorbischer Sprache handeln. Die Zahlen für die letztere Kategorie, die auf dem Symposium u.a. von Wito Bejmak vorgestellt wurden, sind beeindruckend und öffentlich kaum bekannt: Der Nachlass des SORABIA Filmstudios umfasst über 800 Werke (Dokumentationen, Fernsehbeiträge, monothematische Filme) auf 2.500 Magnetbändern und 300 Filmrollen. Im Bestand des Sorbischen Kulturarchivs befinden sich 700 Werke (davon 500 Filmrollen im Bundesarchiv/Filmarchiv, außerdem Magnetbänder und Mischtonbänder). Aber auch deutschsprachige Werke sorbischen Inhalts sind in beachtlicher Zahl zu verzeichnen: An der Hochschule für Film und Fernsehen in Potsdam-Babelsberg, im Arbeitskreis sorbischer Filmschaffender, für das DDR-Fernsehen und später in der am DEFA-Trickfilmstudio angegliederten „serbska filmowa skupina | Produktionsgruppe Sorbischer Film“ entstanden künstlerisch bedeutsame und international prämierte Dokumentarfilme wie „Struga“ des Bautzner Regisseurs Konrad Herrmann und die Lausitz-Trilogie des Sorben Peter Rocha oder eben abendfüllende Spielfilme nach Szenarien der sorbischen Autoren Jurij Koch und Jurij Brězan, die Geschichte und Geschichten ihres Volkes erzählen. Sorbische Filmschaffende wie Johannes/Jan Hempel prägten auch den DEFA-Animationsfilm. Bis in die jüngste Gegenwart reicht die Geschichte sorbischen Filmschaffens bzw. des Filmschaffens zu sorbischen Themen in der Lausitz, ohne über die Region hinaus gebührende Beachtung zu finden und ohne immer als „sorbischer“ Film etikettiert worden zu sein. Hinzu kommen unzählige Dokumente des nicht-professionellen Filmschaffens, die ebenfalls von zeithistorischer Bedeutung sein könnten.
Es stellt sich die Frage, wie eine Bewahrung dieses Erbes zu bewerkstelligen sei. Klar ist, dass angesichts der finanziellen Herausforderungen der Digitalisierung diese nicht allein der Stiftung für das sorbische Volk überlassen werden kann. Auch in Bezug auf das nationale Filmerbe ist angesichts fehlender bereit stehender Mittel zu fragen, was als erhaltenswert angesehen und digitalisiert werden soll. Generell werden drei Aspekte berücksichtigt: wirtschaftliche Auswertung, konservatorische Dringlichkeit und kuratorische Entscheidung. Insbesondere die Bewertung des kulturellen, künstlerischen oder historischen Werts eines Werks erscheint problematisch. Eine von der Filmförderungsanstalt (FFA) berufene Expertenkommission gibt Empfehlungen zur Digitalisierung. Zu den Kriterien, die ein Film erfüllen muss, zählt die Teilnahme an den Wettbewerben der größten internationalen Festivals oder eine Oscar-Nominierung. Des Weiteren stellte der Deutsche Kinematheksverbund eine „Liste der filmhistorisch wertvollen und förderungswürdigen Filme“ zusammen, die 500 Werke von 1895 bis 2008 erfasst. Neben „Der fremde Vogel“ von Urban Gad aus dem Jahr 1911, der im Spreewald spielt und Kleindarstellerinnen in wendischen Trachten zeigt, findet sich unter den 500 gelisteten Filmen nur ein weiteres Werk mit sorbischem Bezug: „52 Wochen sind ein Jahr“ von Richard Groschopp. Dieses entstand nach einem Szenarium des sorbischen Nationalschriftstellers Jurij Brězan, wurde von ihm aber später als „falsch“ verworfen. Sorbisch-sprachige Werke befinden sich gar nicht darunter.

In einem Modellprojekt zur Sicherung des audiovisuellen Erbes in Sachsen, das André Eckardt auf dem Symposium präsentierte, hat der Filmverband Sachsen in Kooperation mit der Stiftung für das sorbische Volk, dem Sorbischen Institut, der DEFA-Stiftung, dem Bundesarchiv und der Sächsischen Landesbibliothek – Staats- und Universitätsbibliothek Dresden (SLUB) zehn sorbische Filmtitel nach konservatorischen Kriterien und mit Blick auf Auswertungsmöglichkeiten ausgewählt und digitalisiert. Ein erster Schritt, auf dem aufbauend weitere unerlässlich sind.

Das Symposium legte hierfür ein Fundament. Eindrücklich wurde deutlich, welch kulturellen Reichtum das sorbische Filmerbe umfasst und warum es auch als Teil nationalen Kulturerbes erhalten werden muss. Neben der Darstellung des Status quo ging es auch darum, Best Practice Beispiele aus anderen Regionen aufzuzeigen (Referat Dr. Ralf Springer) und mit den besonderen Herausforderungen der Archivierung und Bewahrung bekannt zu machen (Referat Wito Bejmak). Auf einem Panel tauschten sich Vertreter/innen der betroffenen Landesregierungen Sachsen und Brandenburg mit Vertretern von Archiven und dem Direktor der Stiftung für das sorbische Volk darüber aus, wie eine konkrete Umsetzung auf Landesebene erfolgen könnte.

Aus den Beiträgen, Diskussionen und der Auswertungsrunde lassen sich folgende Schlussfolgerungen ziehen bzw. Forderungen und Schritte ableiten:

  • Das sorbische Film- und Kulturerbe ist als Teil des nationalen Erbes der Bundesrepublik Deutschland zu betrachten und dementsprechend in Förderprogrammen zu berücksichtigen. Die sorbisch/slawische Geschichte muss als integrativer Teil der deutschen Geschichte betrachtet und im öffentlichen Bewusstsein verankert werden. Dazu müssen das Sorbische und besonders der sorbische Film sichtbar sein.
  • Dies kann nicht allein Aufgabe der sorbischen Institutionen sein. Ihren Vertreter/innen obliegt es jedoch, sich bei den zuständigen nationalen Institutionen wie der FFA und der DEFA-Stiftung für das sorbische Filmerbe einzusetzen und dessen Berücksichtigung in öffentlichen Programmen zur Digitalisierung einzufordern.
  • Die Bewahrung des Filmerbes sollte neben der Erfassung, Archivierung und Digitalisierung auch immer die Konservierung des Originals umfassen.
  • Für den Erhalt des sorbischen Filmerbes sind die Erstellung einer sorbischen Filmografie und einer sorbischen Filmothek, welche in einem Online-Portal münden, dringend notwendig. Das Sorbische Kulturarchiv arbeitet an der Umsetzung. Hierfür sind technische Ressourcen, finanzielle Mittel und Personal erforderlich.

In Ergebnis des Symposiums und auch durch eine breite Berichterstattung darüber in der sorbischen und deutschen Presse steht das Thema sorbisches Filmerbe nunmehr auf der Agenda der politisch Verantwortlichen der Länder Brandenburg und Sachsen und weitere Initiativen sind angeschoben – das sorbische Filmerbe bleibt nicht unsichtbar!


Dr. Grit Lemke
Programmleitung Symposium Filmerbe